Kriechstromfestigkeit und CTI

Verfasst: GOBA Redaktion·21. September 2026·4 Min. Lesezeit

Die Kriechstromfestigkeit beschreibt, wie gut ein Isolierstoff der Bildung eines leitfähigen Pfades auf seiner Oberfläche widersteht, wenn dort Feuchtigkeit und Verschmutzung zusammenwirken. Gemessen wird sie über den CTI (Comparative Tracking Index) nach IEC 60112: die höchste Spannung in Volt, bei der die Oberfläche in der Tropfenprüfung noch keinen durchgehenden Kriechweg bildet. Je höher der CTI, desto sicherer hält das Material auch bei Schmutz und Kondenswasser. Für den Konstrukteur ist dieser Wert die Grundlage, um Kriechstrecken und Materialgruppe festzulegen.

Was ist Kriechstromfestigkeit

Auf jeder Isolierstoffoberfläche sammeln sich mit der Zeit Staub, Salze und Feuchtigkeit. Liegt daneben eine Spannung an, fließt ein kleiner Kriechstrom über diese Schmutzschicht. Er trocknet winzige Bahnen aus, es entstehen kurze Lichtbögen, und diese verkohlen das Material Schritt für Schritt. So wächst ein leitfähiger Pfad, der Tracking oder Kriechspurbildung heißt. Am Ende steht ein Kurzschluss über die Oberfläche, ohne dass das Material je durchschlagen wurde.

Die Kriechstromfestigkeit sagt, wie lange ein Werkstoff diesem Vorgang standhält. Sie hängt stark vom Kunststofftyp ab. Duroplaste auf Basis von Phenolharz können unter Hitze verkohlen und werden dann selbst leitfähig, während viele thermoplastische und keramisch gefüllte Werkstoffe kaum Kohlenstoffspuren bilden. Der Wert ist damit eine Materialeigenschaft, keine reine Frage der Geometrie. CTI-Werte von 125 bis 600 für 17 gängige Isolierkunststoffe nennt der Beitrag zu elektrisch isolierenden Kunststoffen.

CTI und die Prüfung nach IEC 60112

Die IEC 60112 (in Deutschland als DIN EN 60112 geführt) legt das Prüfverfahren fest. Zwei Platinelektroden stehen im Winkel von 60 Grad auf der Probe und liegen 4 Millimeter auseinander. Zwischen sie legt man eine Prüfspannung. Alle 30 Sekunden fallen Tropfen einer definierten Elektrolytlösung (Ammoniumchlorid) auf die Fläche und bilden die Verschmutzung nach.

Der CTI ist die höchste Spannung, bei der die Probe 50 Tropfen ohne Ausfall übersteht. Ein Ausfall liegt vor, wenn ein Strom von 0,5 Ampere für mindestens zwei Sekunden fließt oder die Probe brennt. Der Zahlenwert entspricht der Volt-Angabe: CTI 600 heißt, das Material hält der Prüfung bis 600 Volt stand. Höhere Werte prüfen einige Labore als CTI-M mit einer schärferen Lösung, weil manche Werkstoffe erst unter aggressiverer Verschmutzung ihr wahres Verhalten zeigen.

CTI-Klassen und Materialgruppen

Die IEC 60664-1 fasst die CTI-Werte zu vier Materialgruppen zusammen. Diese Gruppen tauchen direkt in der Bemessung der Kriechstrecken auf, deshalb rechnet der Konstrukteur meist mit der Gruppe, nicht mit dem rohen Zahlenwert.

MaterialgruppeCTI-Bereich (Volt)Typische Werkstoffe
I600 und höherPTFE, viele Silikone, keramisch gefüllte Duroplaste
II400 bis 599Polyamid, Polycarbonat, viele Polyester
IIIa175 bis 399Epoxid-Glasgewebe, einige Thermoplaste
IIIb100 bis 174Phenol- und Melaminharz-Laminate ohne Zusatz

Materialgruppe I trägt die höchste Kriechstromfestigkeit, IIIb die niedrigste. Ein Werkstoff aus Gruppe I erlaubt bei gleicher Spannung eine kürzere Kriechstrecke als einer aus Gruppe IIIb. Genau darin liegt der praktische Nutzen: Ein besseres Material spart Bauraum.

Zusammenhang mit Kriechweg und Verschmutzungsgrad

Die geforderte Mindestlänge des Kriechwegs ergibt sich aus drei Größen: Bemessungsspannung, Verschmutzungsgrad und Materialgruppe. Der Verschmutzungsgrad beschreibt die Umgebung, von trocken und sauber (Grad 1) bis leitfähig verschmutzt (Grad 3 und 4). Je höher der Verschmutzungsgrad und je schlechter die Materialgruppe, desto länger muss der Kriechweg sein.

Das erklärt, warum der CTI nie isoliert steht. Wer ein Material aus Gruppe I wählt, darf die Kontakte enger setzen. Wer aus Kostengründen bei Gruppe IIIb bleibt, braucht mehr Abstand, Rippen oder Barrieren, um denselben Kriechweg zu erreichen. Die Kriechstromfestigkeit beschreibt die Oberfläche, nicht das Volumen. Für den Widerstand quer durch das Material gilt der Isolationswiderstand, für die Oberflächenleitung selbst der Oberflächenwiderstand.

Materialauswahl nach CTI

Für die Auswahl zählt zuerst die Einsatzumgebung. Ein Bauteil im trockenen, gekapselten Gerät stellt andere Anforderungen als eine Klemmleiste im Freien oder ein Teil in feuchter, staubiger Industrieluft.

  • Hohe Spannung mit Verschmutzung und Feuchte: Werkstoffe der Gruppe I oder II, etwa Polyester oder gefüllte Duroplaste, damit die Kriechstrecke im Bauraum bleibt.
  • Trockene, saubere Umgebung mit niedriger Spannung: Gruppe IIIa reicht oft, ein höherer CTI bringt hier keinen Vorteil mehr.
  • Phenol- oder Melaminlaminate: günstig und mechanisch fest, aber niedriger CTI. Sie brauchen längere Kriechwege oder eine gezielte Materialpaarung.

Ein hoher CTI ersetzt nie die Durchschlagsfestigkeit. Beide Eigenschaften müssen zusammen passen, weil ein Bauteil sowohl über die Oberfläche als auch durch das Volumen versagen kann. Wir empfehlen, im Zweifel die Materialgruppe eine Stufe besser zu wählen als rechnerisch nötig, denn der Preisunterschied ist klein gegen die Kosten eines Feldausfalls.

GOBA Fazit

Die Kriechstromfestigkeit entscheidet, ob ein Isolierteil bei Schmutz und Feuchte über die Oberfläche versagt. Der CTI nach IEC 60112 macht diese Eigenschaft in Volt vergleichbar und führt über die Materialgruppen I bis IIIb direkt in die Bemessung der Kriechstrecke. Wer den Werkstoff früh nach CTI, Verschmutzungsgrad und Spannung wählt, spart später Bauraum und Nacharbeit. GOBA verarbeitet seit 1959 Isolierstoffe von Polyesterfolie bis Hartgewebe und kennt das Kriechstromverhalten der gängigen Werkstoffe aus der Praxis. Warum Phenol-Hartpapier bei CTI 100 endet und Melamin- oder Polyester-Glaslaminate CTI 600 erreichen, erklärt der Beitrag zu Duroplasten. Für die Materialauswahl und den passenden Zuschnitt sehen Sie sich unsere Isoliermaterialien an, schicken Sie uns Ihre Anforderung und Sie erhalten ein technisches Angebot.

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Verwandte Glossar-Begriffe

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  • Kriechstrom

    Kriechstrom bezeichnet unerwünschte elektrische Ströme, die entlang der Oberfläche eines Isolators fließen. Ursachen, Erkennung, CTI-Wert und Schutzmaßnahmen.

  • Kriechweg

    Der Kriechweg beschreibt die isolierende Strecke entlang der Oberfläche eines Isoliermaterials zwischen zwei leitenden Teilen.

  • Oberflächenwiderstand

    Der Oberflächenwiderstand ist der elektrische Widerstand, den ein Material einem Stromfluss entlang seiner Oberfläche entgegensetzt; er wird in Ohm gemessen, als spezifischer Oberflächenwiderstand in Ohm pro Quadrat angegeben und reicht von 10¹⁷ Ω/□ bei PTFE bis unter 10⁴ Ω bei leitfähigen Kunststoffen.

  • Isolationswiderstand

    Der Isolationswiderstand beschreibt die Fähigkeit eines Isoliermaterials, den Stromfluss zwischen elektrischen Leitern zu verhindern. Mit allen Grenzwerten nach VDE.

  • Durchschlagsfestigkeit

    Die Durchschlagsfestigkeit ist die elektrische Feldstärke in kV/mm, bei der ein Isoliermedium leitend wird; Luft hält bei 1 cm Abstand unter Normalbedingungen rund 3 kV/mm, SF6 über 8 kV/mm und Transformatorenöl 5 bis 30 kV/mm.

FAQ zu Kriechstromfestigkeit und CTI

Was bedeutet der CTI-Wert?

Der CTI (Comparative Tracking Index) ist die höchste Spannung in Volt, bei der ein Isolierstoff in der Prüfung nach IEC 60112 fünfzig Tropfen einer Elektrolytlösung übersteht, ohne einen leitfähigen Kriechweg zu bilden. CTI 400 heißt also, das Material hält bis 400 Volt stand.

Welche CTI-Klasse braucht welcher Einsatz?

In feuchter, verschmutzter Umgebung und bei hoher Spannung sollten Sie Werkstoffe der Gruppe I oder II mit CTI ab 400 Volt wählen. In trockenen, sauberen Geräten mit niedriger Spannung reicht meist Gruppe IIIa. Ausschlaggebend ist immer die Kombination aus Spannung, Verschmutzungsgrad und geforderter Kriechstrecke.

Was ist der Unterschied zwischen Kriechstromfestigkeit und Durchschlagsfestigkeit?

Die Kriechstromfestigkeit beschreibt den Widerstand gegen einen leitfähigen Pfad auf der Oberfläche. Die Durchschlagsfestigkeit beschreibt, welche Feldstärke das Material quer durch sein Volumen aushält, bevor es durchschlägt. Ein Bauteil kann an beiden Stellen versagen, deshalb müssen beide Werte passen.

Wie wird der CTI gemessen?

Zwei Platinelektroden stehen 4 Millimeter auseinander auf der Probe und liegen an Prüfspannung. Alle 30 Sekunden fällt ein Tropfen Ammoniumchloridlösung auf die Fläche. Übersteht die Probe fünfzig Tropfen ohne Ausfall, gilt die Spannung als bestanden. Die höchste bestandene Spannung ist der CTI.